Thema 2021

Freedom to Roam

(Ist das überhaupt möglich?)

Right to roam, das Jedermannsrecht, ist in Schottland, Schweden und Norwegen eine alte Tradition des freien Zugangs zu unbewirtschafteten Flächen. Dort findet man es essentiell für Gesundheit und Wohlbefinden, dass alle freien Zugang zum weiten Hochland zum Wandern, Schwimmen, Kajakfahren, Klettern, Radfahren, Reiten und Biwakieren haben. Kinder lernen so von klein auf den Umgang mit der Natur. Leider gilt das right to roam nicht überall. In England revoltierten 1932 Wandernde aus Manchester und verstießen massiv gegen das Verbot, den Kinder Scout Mountain zu besteigen. Dieses Ereignis inspirierte den englischen Folksänger Ewan MacColl zu der Ballade The Manchester Rambler, den Auftaktsong des Dutch Mountain Film Festivals 2019. Erst im Jahr 2000 wurde in England der Countryside and Rights of Way Act (CRoW Act) verabschiedet, der den freien Zugang zu unbewirtschaftetem Land und Gemeindeland festlegte.

 
In den Niederlanden und Deutschland haben Fußgänger weniger Rechte. Die Gesetzgebung schützt unbefestigte Wege kaum. Pfade verschwinden, werden geschlossen oder asphaltiert. Wandernde werden oftmals durch Gesetze beschränkt und von Zäunen, Grundbesitzenden, Baufirmen, Straßen- und Eisenbahnschienen auf festgelegte, markierte und kartierten Routen verwiesen. Diese Verbote sind oft ungerechtfertigt. Fußgänger haben ältere, ungeschriebene Rechte: das Recht zum Betreten zu Erholungszwecken und das Gewohnheitsrecht. Und auch die Landschaft braucht die Fußgänger: Nur wer sie beschreitet, kann alte, gefährdete oder gar verbotene Wanderwege erhalten. Ohne Wandernde wird die Landschaft zur Beute der Reißbretter von Entwicklern. Wir müssen das Recht einfordern, zu wandern, um die Spuren unserer Vorfahren durch die Landschaft und ihre alten Geschichten zurückzuverfolgen. Alle sollten ungehinderten Zugang zur Natur haben. Je mehr das Erleben der Natur in den Alltag eingewoben werden kann, desto besser werden wir die Natur verstehen, schätzen und schützen.

Das Recht zu streunen

Mit freedom to roam wollen wir eine Lanze für das Recht zu streunen brechen, aber auch ausloten, an welchen Punkten diese Freiheit mit anderen Interessen kollidiert. Während der COVID-19 Pandemie haben viele das Bedürfnis, nach draußen zu gehen, aber die sonst unsichtbaren Grenzen zu unseren Nachbarländern waren zeitweilig gesperrt, teilweise sogar durch Betonblöcke versperrt. Inländische Naturschutzgebiete wurden von Tagesausflüglern überschwemmt, die ein Verkehrs- und Parkchaos verursachten und ihren Müll in der Natur zurückließen.

Jederzeit und für alle?

Schauen wir uns also das freedom to roam einmal kritisch an. Müssen wir wirklich auch in die entlegensten Winkel der Erde eindringen? Auch die am meisten gefährdeten Orten wie Grönland oder die Antarktis besuchen und jeden heiligen Berg erklimmen? Wer kürzt nicht einmal Wege querfeldein ab und zerstört dadurch vielleicht die Natur? Und gilt das freedom to roam eigentlich für alle, oder ist es nicht so, dass diese Freiheit hauptsächlich von weißen, gut situierten Outdoor-Sportler*innen beansprucht wird?